Skip to Store Area:

Fortgesetzte Expedition | Expander des Fortschritts - Leipzig

Fortgesetzte Expedition | Expander des Fortschritts - Leipzig

Datum 24.02.2019
Veranstaltungsbeginn 20:30h
Stadt/Ort Leipzig
Ort die naTo
Originalkarten Nein
Platzposition Nein

* Pflichtangaben

Price From: 9,35 €
Add Items to Cart In den Warenkorb
Eine Band performt Text, ein Autor referiert Musik. Auch eine Heiner Müller-Erinnerung.

2019 geht nach langer Zeit eine Band des DDR-Offgrounds wieder auf Tour, die als eine der bedeutungsschwereren Formationen des letzten Jahrzehnts der DDR galt: Der Expander des Fortschritts, 1986 in Ost-Berlin gegründet, in seiner Eigenbezeichnung eine Band »verwirrter Verwirrer«, in der Außenwahrnehmung der schwer verdauliche, intellektuelle Ausleger des Pops der Subkultur Ost, deutlich anders als die »anderen Bands« jener Jahre, wenn auch gelegentlich zusammen auf einer Bühne. Der Expander spielte keinen Gitarrenpop, keinen Wave oder Punk; er orientierte sich an Bands wie den westdeutschen Cassiber oder den nordamerikanischen Residents. Der Expander des Fortschritts loopte Anton Bruckner, plünderte Vogelstimmenplatten, collagierte Filmmusiken und Nachrichtensendungen. Er spielte Experimentalchansons für Bücherwürmer und hatte mit Mario Persch einen Lyriker an Bord, der die Ostberliner Endzeit in Texten festhielt, die so expressiv wie melancholisch geraten konnten. Der Expander vertonte Christoph Hein und Heinrich Heine, DDR-Gesundheitsdidaktik und Verse aus der Edda, Friedrich Nietzsche und Heiner Müller.

Heiner Müller: Dass der Expander des Fortschritts ausgerechnet im 90. Jahr des DDR-Dramatikers erneut auftritt, ist definitiv kein Zufall. Mit Bezug auf die zivilisationskritischen Metaphern Heiner Müllers hatte der Expander Hörstücke wie Fatzer Komm oder Oh Mond auf die Bühnen des Pop-Undergrounds gebracht. Kurz vor dem Mauerfall beteiligten sie sich an den Feierlichkeiten zu Müllers 60. und im Ausreisesommer 1989 veröffentlichten sie ihr Debütalbum: Nicht auf dem Staatslabel Amiga, sondern in England bei Chris Cutlers Recommended Records, einer damals bereits legendären Heimstätte für experimentelle Musik, die durchaus politisch, wenn auch nicht didaktisch ausfallen konnte. Zu Wendezeiten veröffentlichte der Expander noch ein Album, das er mit einem Müller-Sample von der Demonstration am 04. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz eröffnete. Dann verabschiedete er sich mit einer Tape-EP, also mit dem Medium, auf dem er auch debütiert hatte, Kassettentäter, wie es in den Achzigern üblich war.

Die Rückkehr des Expanders war eine mit Ankündigung: Zum erneuten Auftauchen gehört ein Interview von Alexander Pehlemann mit Expander-Mitbegründerin Susanne Binas-Preisendörfer im Almanach Zonic 2009 wie ein Expander-Beitrag auf Henryk Gerickes Compilation mit ostdeutschem Undergroundsounds der Jahre 1979–1990 »Ende vom Lied« (Play Loud! Productions), erschienen anlässlich der von Christoph Tannert kuratierten Ausstellung Gegenstimmen – Kunst in der DDR (Martin-Gropius-Bau 2016).
Mehrere Konzerte folgten. Der wiederbelebte Expander besteht aus den Gründungsmitgliedern Susanne Binas-Preisendörfer, Eckehard Binas, der den Großteil der Expander-»Songs« in den 1980ern arrangierte und Müllers Mauser 1992 für DS Kultur (Regie Wolfgang Rindfleisch) produzierte, und der nachfolgenden Generation: Joachim Foerster, Jascha Wonerow, Christoph Chudaska und Leo Binas. Dazu kommt der Autor, Journalist und Herausgeber Robert Mießner, der in den späten Achtzigern seinen Expander-Erstkontakt über Lutz Schramms Radiosendung Parocktikum hatte und in dem kürzlich erschienenen Sammelband Material Müller (Hrsg.: Stephan Pabst und Johanna Bohley, Verbrecher Verlag) diverse Heiner-Müller-Vertonungen unter die Lupe nimmt, darunter natürlich die des Expanders.

Wenn Referat plus Konzert nach Konzept klingen, dann ist das gewollt, freilich nicht frontal, sondern als Einladung zu einem Abend aus Gespräch und Musik, mit dem Expander und über Müller, über ein 1989, 2019 jenseits der Staatsaktionen.

Präsentiert von Zonic.